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#Writing Friday: Un ami est long à trouver et si prompt à perdre…

Heute habe ich endlich mal wieder einen Writing Friday Beitrag, yippie! Und es hat richtig Spaß gemacht, ihn zu schreiben, nochmal: yippie! Viel Spaß beim Lesen 🙂

Das war die Aufgabe, die ich mir für heute ausgesucht habe:

Schreibe eine Geschichte zu folgender Situation; Du betrittst einen schummrigen, alten Laden und kaufst …(Platz für eigene Idee)… dafür wirst du dann aber verfolgt.

Un ami est long à trouver et si prompt à perdre

Die Tür öffnete sich mit einem leisen Quietschen und am oberen Türrahmen bimmelte ein Glöckchen.

Mit einem ausladenden Schritt betrat er den Laden und schaute sich um.

Im Antiquariat war es angenehm kühl und ein undefinierbar vertrauter Geruch lag in der Luft. Der Duft von vergilbten Seiten, ein bisschen jahrezehntealtem Staub und schwarzem Tee, so flüchtig wie ein Windstoß, und dennoch da, wie der Boden und die Wände, unverrückbar und im Hintergrund.

Marek schnupperte erneut und überlegte stirnrunzelnd, warum ihm dieser Geruch so behagte. Dieser Geruch…so bekannt und gleichzeitig so weit entfernt. Wie die Erinnerung an ein besonders schönes Weihnachtsfest im Kindesalter, die sofort eine wohlige Wärme in einem hervorruft.

Marek zog scharf die Luft ein, als ihm auf einmal einfiel, wo er das letzte Mal gewesen hatte, als es so gerochen hatte. War es möglich, dass… Immerhin war er in Paris, vielleicht war er nie fort…Nein, das konnte nicht sein, Marek schüttelte wütend über seine Gedanken den Kopf und blickte dann hoch und sah sich den Raum an. Deckenhohe Regale an den Wänden, aus massiven Eichenholz, dessen lackierte Oberfläche im schummerigen Halbdunkel des Ladens glänzte und Lichtreflexe in den Raum schickte. Davor große Bücherstapel, krumm und schief, nicht nur einer war kurz vor dem Umkippen und wurde nur durch die Reibung der verschlissenen Buchrücken in der Senkrechten gehalten.

In der Mitte des Raumes hing ein verstaubter Kronleuchter, in dessen Ketten eine Spinne ihre zarte Fäden gesponnen hatte und in den Halterungen waren noch echte Kerzen, weißes Wachs, das in großen Tropfenketten erstarrt auf den Abend und die Dunkelheit wartete.

Der Raum war leer, hinter dem antiken Verkaufstresen stand niemand und es war still bis auf ein Klopfen, eine defekte Wasserleitung in der Wand, deren dumpfe Pumpstöße in regelmäßigen Abständen den Kerzenleuchter klirren ließen.

Zögernd ging Marek weiter in den Raum hinein, er setzte einen Fuß vor den anderen und fragte sich zugleich, was er hier eigentlich machte. Was suchte er denn? Als er das verblichene Schild des Antiquariat in einer Seitenstraße der Fußgängerzone erspäht hatte, hatte er sich gefreut. Sein Leben lang hatte er sich mit Büchern beschäftigt, sie geliebt und zu jeder freien Zeit in ihnen herumgestöbert, gerade die älteren, die mit dem zerfurchten Ledereinband, deren Seiten spröde und gelb waren, hatten es ihm angetan.

Ja, die Bücher waren an ihm haften geblieben, daran hatte auch der Streit mit Pierre nichts geändert.

Doch nun stand er in der Buchhandlung und das, wonach er Ausschau hielt, war keine Sonderausgabe eines Pleijade- Bandes, kein seltener Comic, kein wertvolles Schätzchen. Instinktiv hatten seine Augen, ab dem Moment, in dem das kleine Glöckchen über der Tür geklingelt hatte, nach ihm gesucht. Nach tiefblauen Augen, einem gekrümmten Rücken, einer dicken Hornbrille mit unterschiedlichen Brillenbügeln und jemandem, der seinen Kindheitstraum mit einem eigenen Antiquariat erfüllt hatte.

Marek zuckte zusammen, als aus einem hinteren Raum ein Seufzen zu hören war. Er richtete sich gerade auf, seine Lippen bebten und für einen kurzen Moment überlegte er, den Laden rücklings zu verlassen und seinen restlichen Urlaub so zu verbringen wie die letzten Tage. Spaziergänge im Jardin du Luxemburg, sich treiben lassen im Maraisviertel und hier und da ein Schwätzchen mit den Einheimischen zu halten, die ihn meist sofort als jemanden erkannten, für den Frankreich nichts Neues war, der hier gelebt und unaufgeregt die Details der Stadt erkundete.

Es wäre so einfach, zwei Schritte bis zur Tür, hinaus auf die Straße und in der Menschenmenge untergehen, sich anonymisieren und den Augenblick vergessen, den plötzlich aufgeblitzten Hoffnungsstreif am Horizont mit kühler Gelassenheit überpinseln und aus seinen Gedanken verbannen.

Doch er war wie erstarrt, seine Füße drückten sich in den steinernden Boden, während seine Augen nervös im Raum herumwanderten, Bücher über Bücher, eine Thölzerne Trittleiter, der Tresen und im Nachbarraum Schritte, die immer lauter wurden und schließlich ein heiseres: „Il y a du monde? Un instant, j´arrive!“

Marek war beim dunklen Klang der Stimme zusammengezuckt, nun war er sicher, es war Pierre, ohne Zweifel.

Noch einmal haderte er, überlegte, den Laden zu verlassen, die Konfrontation zu meiden und alles so zu lassen, wie es die letzten zwanzig Jahre auch gut funktioniert hatte. Aber er blieb immobil, die Arme eng an den Körper gepresst und der Mund trocken.

Noch ein, zwei Schritte, dann öffnete sich am Ende des Raumes eine unscheinbare Tür und ein Mann trat heraus, den einen Arm voller Bücher, mit dem anderen Arm auf einen Stock gestützt.

„Bonjour! Qu´est-ce que je peux faire pour…Marek! Bist du es?“

Da stand er. Pierre, um zwanzig Jahre gealtert, um viele Welten verändert und dennoch der gleiche, stämmige Pierre.

Marek blinzelte, schluckte und schaute seinem alten Freund in die Augen.

„Ja ich bin es.“ murmelte er und ging einen Schritt auf Pierre zu, der kurz zurückzuschrecken schien, sich dann bückte und dann mühsam den Stoß Bücher auf den Boden stellte.

Die beiden Männer gingen aufeinander zu, Marek hob zögernd die Hand und Pierre tat es ihm gleich.

Während sie sich schüchtern die Hände schüttelten, öffnete Pierre ein paar Mal den Mund, setzte dazu an, etwas zu sagen und brachte schließlich hervor:

„C´est incroyable, comment ca ce fait, que.. Ich meine, wie kann es sein, nach all den Jahren, du hier? Wohnst du nicht inzwischen in…“

„München, ja so ist es.“ erwiderte Marek leise, „ich bin im Urlaub, gewissermaßen, meine Frau..nun ja, du kennst sie ja, Lisa, sie ist vor ein paar Wochen verstorben. Mein Haus ist leer“ er lachte gekünstelt, „und man gönnt sich ja sonst nichts, verstehst du? Paris fühlte sich richtig an.“

Bei seinen Worten hatte sich ein Schatten über Pierres Gesicht gezogen, er zog seine Hand aus der von Marek und erwiderte dann:

„Mein Beileid.“ er wendete sich ab und strich über eine Reihe von Büchern im Regal. Marek hatte das Gefühl, einen Anflug von Unmut aus den zwei Worten herauszuhören, doch er war sich nicht sicher. Was hatte er falsch gemacht?

Er musterte Pierre, seinen Freund, fast Bruder, der ihn so lange begleitet hatte, bis zu diesem einen Tag, an dem er alles falsch gemacht hatte und die Bande gebrochen waren. Sein Haar war weiß und schütter, am Hinterkopf war er fast kahl und seine Haut war zerfurchter denn eh und je, zu den Narben hatten sich inzwischen Falten gesellt, die die Haut ledrig und schlaff gemacht hatten. Die Gesichtszüge seines Freundes waren matt und schlaffer, ja entmutigter als vor zwanzig Jahren, wie es ihm wohl ergangen war? Ein Veteran des Lebens, ebenso wie es Marek wohl auch war.

„Wie geht es dir?“ sagte Marek leise und spannte seine Muskeln an.

Pierre blickte hoch, schaute ihm in die Augen und schüttelte verbittert den Kopf. Er lehnte seinen Stock an sein Bein und verschränkte die Arme.

„Oh nein, Marek, glaub nicht, dass die Zeit deine Vergehen getilgt hat, nein, mein Lieber, so einfach ist es nicht. Kommst nach zwanzig Jahren in mein Geschäft, sagst du bist im Urlaub, du congé, jetzt , wo Lisa tot ist, da kommst du und hoffst, bei mir Vergebung zu finden, aber so ist es nicht. Wärst du ein Jahr, vielleicht auch zwei Jahre danach zu mir gekommen, dann wäre es anders gewesen, j´aurais été doux avec toi, mais là. Et non, Marek, so einfach ist es nicht.“

Mareks Gesichtszüge entgleisten, eingeistert schaute er Pierre an, konnte sich noch immer nicht fließend bewegen und war gezwungen, sich die Härte in den Augen seines alten Freundes anzuschauen.

„Marek, es ist vorbei, ein für alle Mal, ich kann dir nicht verzeihen, nicht in diesem Leben. Die Zeit heilt alle Wunden, oh nein, das tut sie nicht, sie macht sie klaffender und tiefer, sie erschafft Fremde und Distanz und frisst die Liebe, die einmal da war, so stark und unantastbar, wie sie einmal war. Lass mir meinen Frieden und ich lasse dir deinen, aber wage es nicht, mir erneut unter die Augen zu treten!“

Die letzten Worte hatte Pierre mit seiner heiseren Stimme geschrien, nun erhob er seinen Stock und stellte ihn mit rausgestreckter Brust zwischen sie, als wollte er sein Revier verteidigen.

Marek hatte seine Sprache verloren und während die Worte seines Freundes in seinem Gehirn ankamen, merkte er eine unbändige Wut in sich hinaufsteigen. Noch vor ein paar Minuten war alles gut gewesen, er hatte sich auf seinem Cappucino gefreut und auf ein frisches Éclair, doch alle Lust auf ein Straßencafé war verflogen, er wollte weg, der Härte von Pierre entfliehen und ihr einen Dämpfer versetzen. Ihm zeigen, das er nicht der einzige war, der wütend und verbittert war, nicht der Einzige, der sich in all den Jahren Vergebung gewünscht und es dennoch nicht gewagt hatte, den ersten Schritt zu tun.

Für ein paar Sekunden schaute Marek Pierre in die Augen, dann drehte er sich um und ging auf die Ladentür zu. Er drückte den goldenen Türgriff herunter und hatte den Fuß schon fast aus dem Laden gesetzt, da sah er im Schaufenster etwas, das ihm bekannt vorkam.

Eine Ausgabe von Huckleberry Finn, mit rotem Ledereinband und vergoldeten Ecken. Es war die Ausgabe, die ursprünglich ihm, Marek, gehört hatte. Pierre hatte sie immer unbedingt haben wollen: „Die Qualität, c´est fascinant!“ Marek hatte die bewundernden Worte im Ohr, als sei es gestern gewesen, dass er Pierre das Buch schließlich geschenkt hatte.

Das Buch lag auf einem roten Samtkissen im Schaufenster, die Schrift war ein bisschen verblichen, aber sonst sah das Buch aus, wie vor vielen Jahren.

Ohne groß zu überlegen, streckte Marek die Hand danach aus. Er spürte Pierres Augen in seinem Rücken, doch das war ihm egal, sein Eigentum, das nicht länger in den Händen dieses unnachgiebigen Trottels sein sollte! Seine Finger umgriffen das geriffelte Leder, schlossen sich fest darum und so schnell er konnte, verließ er den Laden.

Hinter sich hörte er Pierre schreien: „Non, tu peux pas faire ca, èspece de…“

Doch Marek ließ die Stimme nicht an seine Ohren, er rannte, so gut es ging durch die Menge und merkte, wie sich etwas in ihm löste. Es war richtig gewesen, nach Paris zu kommen und die alten Lasten ein für alle Mal zu verbannen und sich bewusst zu machen, dass Zeit für ihn zwar nicht die Wunden heilte, aber den Schmerz in Gelassenheit und unantastbaren Stolz verwandeln konnte.

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12 Kommentare zu „#Writing Friday: Un ami est long à trouver et si prompt à perdre…

  1. Hallo Marillenbär,
    gut gemacht, dass quasi der Schauplatz als Ort der zerbrochenen Freundschaft dargestellt wird und was Marek verfolgt, vor allem Gefühle vom Scham, Schuld und Enttäuschung sind. Das Buch, welches Marek mitnimmt, ist nicht im Mittelpunkt, sondern der psychische Schlussstein, den er sich suggestiv im Kopf setzt. Daher insgesamt eine überraschende wie lesenswerte Bearbeitung der Aufgabe :)).
    Viele Grüße
    Sebastian
    http://nachdenker.info/glaeserne-gedanken/

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  2. Hey Marillenbär,
    ich war so sehr vertieft in deine Geschichte, sodass ich ganz vergessen hatte, welche Aufgabe du eigentlich gewählt hattest! hahaha
    Erst, als du das Buch erwähnst fiel mir ein, dass Marek ja noch was stibitzen muss.;-) Ich mag deinen eigenen Stil, wie du Geschichten erzählst. Ganz toll, flüssig und sehr einnehmend.

    Mein kleiner TEXT ist heute eher traurig. Es geht um Luna.
    GlG, monerl

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    1. Hallo!
      Oh, das freut mich ja sehr, dass die Geschichte dich so fesseln konnte!
      Ja, ich muss auch sagen, die Idee mit dem Buch hab ich eigentlich auch nur eingebaut, damit ich mich doch wieder etwas mehr an die Aufgabenstellung halte..Aber jetzt bin ich mit dem Ergebnis ganz zufrieden 🙂
      Danke für dein liebes Feedback und jetzt lese ich mal deinen Text.
      Viele Grüße
      der Marillenbär

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  3. Hi,
    ich mag diese Atmosphäre, ich mag die Geschichte, ich mag die vielen französischen Wendungen, die du eingebaut hast. Was wohl genau zwischen Pierre und Marek passiert ist? Alte Wunden, Verletzungen … und dann dieses alte Buch, eine geniale Geschichte, gefällt mir gut.
    Hier meine Geschichte, es ist diesmal mehr so eine Art Artikel über Plastikflaschen.
    LG
    Daniela

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Buchvogel 🙂
      Danke für dein nettes Feedback, das hat mir auch wahnsinnig viel Spaß gemacht, den grummeligen, alten, französischen Antiquar zu skizzieren!
      Jetzt lese ich mal deinen Text, ich bin gespannt…
      Viele Grüße
      der Marillenbär

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  4. Hey Marillenbär,
    deine Geschichte hat mich so sehr gefesselt, dass ich sie nochmal lesen musste. Die Stimmung, die Facetten, das Unausgesproche…alles ist stimmig. Eine wirklich gelungene Geschichte!
    Grüße, Katharina.

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    1. Liebe Katharina,
      Lang ist´s her, und nun antworte ich endlich:
      Vielen Dnak für den netten Kommentar, Stimmigkeit ist für mich tatsächlich eins der besten Lobe, die ich von jemandem bekommen kann, also danke dafür 🙂
      Viele Grüße und vielleicht bis morgen beim Writing Friday…?
      der Marillenbär

      Gefällt 1 Person

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